Sehr geehrte Damen und Herren!
Sie alle kennen den Vergleich „hart wie Stein“.
Selbst wer nur einen kurzen Blick auf Reiner Stecks Skulpturen aus Alabaster wirft, stellt fest: Unzutreffender kann ein Vergleich kaum sein.
Titel wie „Aristokrat und Krieger“ oder der „Wächter überm See“ erinnern an Strenge und Härte. Doch es sind nur Namen, die diese Sprache sprechen. Wenn Sie der Skulptur gegenüber stehen und um sie kreisen, stellen Sie fest: Reiner Stecks Arbeit ist nicht hart wie Stein.
„Ich fühle seine Seele und gebe ihm ein Gesicht“, sagt er dazu.
Kann ein Stein eine Seele haben?
Reiner Steck hat keinen Bauplan, keinen abstrakten Entwurf, wenn er den spanischen Alabaster formt, ihn mit dem Meißel bearbeitet. Er hört auf den Stein, er fühlt die Eigenheit des Materials. Es ist kein kurzer Moment des Erkennens, der entscheidet, welche Form seine Skulptur annehmen wird.
Dabei entwickelt jede seiner Skulpturen ihr eigenes Leben, ihren eigenen, individuellen Ausdruck. Der Betrachter fühlt sich manchmal an Janus erinnert, den römischen Gott es Eingangs und Ausgangs. Janus wird immer mit zwei – meist identischen Köpfen – abgebildet.
Viele von Reiner Stecks Skulpturen zeigen uns mehrere Gesichter, daher kommt der Gedanke an Janus nicht von ungefähr. Doch Janus ist und bleibt der doppelköpfige Gott, der manchmal eine freundliche und zugleich eine grimmige Miene zeigt.
So leicht macht es uns Reiner Steck nicht. Die Assoziation zu Janus bleibt flüchtig. Es liegt an uns selbst, sämtliche Gesichter und Charaktere des Steins zu finden und zu erkennen. Es gibt keine Vorderseite und keine Rückseite, keinen Eingang und keinen Ausgang, kein Anfang und Ende.
Wir Betrachter begeben uns fast zwangsläufig in eine Interaktion, in einen Dialog mit dem Stein. Und so lässt sich die reine Emotion, der ursprüngliche Ausdruck erkennen. Wir spüren die Gewalt, die einmal tief in der Natur, im unbehauenen Stein versteckt war, und die der Künstler für uns mit harten und sanften Schlägen zugleich freigehauen hat.
Seine neuestes Werk, das wir heute erstmals öffentlich sehen können, hat Reiner Steck „Maskenball“ genannt. Wir sehen in dieser Figur einerseits die Kontinuität zu seinem bisherigen Schaffen. Andererseits greift er das Motiv des Versteckens auf. Verstecken heißt nicht nur, etwas vor den Blicken der anderen zu verbergen. Viele, die etwas verstecken, wollen erkannt und gefunden werden. Gerade Künstler helfen uns, die versteckte Welt jenseits der Wirklichkeit zu erkennen.
Ein Kunstfreund, der Reiner Steck oft bei der Arbeit beobachtet hat, schreibt: „Es ist das „Kunstwollen“, das man verspürt, wenn Reiner Steck vor einem Steinrohling steht, um dessen Seele zu ergründen. Wann kommt die Zeit, diesem Stein etwas zu entlocken. Gelingt dies immer und wie?
Imagination ist das Vermögen, Träume und Wünsche in die Wirklichkeit umzusetzen. Dazu braucht es Einbildungskraft, Fantasie, handwerkliches Können, Fleiß, Ausdauer und ... und ... und. Im Gegensatz zum abstrakten Denken wird hier bildhaft Anschauliches geliefert. Wenn dieses gelingt, kann dies für immer sehen und ertasten.“
Reiner Stecks Werke strahlen keine Härte aus, sie leben. Sie brauchen keine weiteren Worte mehr, sie sprechen für sich.